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Donnerstag, 21. Januar 2010

Soziale Banken

Liebe Freunde,

heute möchte ich mich weit aus dem Fenster lehnen und über Banken berichten.
Wir sind/waren alle entsetzt über die Finanzkrise. Zum Glück sind wir/unsere Regierung der Lage schnell Herr geworden. Zum Beispiel wurde die HypoRealEstate gerettet. Das hatte sie auch bitter nötig. Notleidende Banken brauchen unsere Unterstützung, deshalb haben wir uns die HRE auch ein nettes Sümmchen kosten lassen: mindestens 135 Mrd. Dollar (2008/2009). Im Vergleich dazu: die gesamte Entwicklungshilfe der 22 Geberländer betrug 2007 104 Mrd. Dollar. Unbeschreibliche Summen finanzieren unbeschreibliche Ungerechtigkeit. Die Strukturen, die vor dem großen Crash herrschten, sind jedoch bei Weitem nicht gebrochen. Die Banken spekulieren und verspekulieren fröhlich weiter.
Ein charismatischer 36 Jähriger Belgier hatte eine Idee. Wenn es keine Banken gibt, die transparent agieren und sich für sinnvolle Dinge einsetzen, dann gründe ich eben eine. Genau das hat er auch getan, die noa bank. Die noa bank versteht sich als soziale Bank, mit hohem ethischen und ökologischen Anspruch. Transparenz spielt bei der noa bank eine große Rolle. Der Sparer kann zwischen verschiedenen Themenfeldern wählen in denen sein Geld angelegt werden soll: Region, Planet, Leben und Kultur. Unter "Region" verbergen sich regionale Förderansätze in den einzelnen Bundesländern. Über "Planet" wird in erneuerbare Energien, biologische Landwirtschaft und ökologische Bauwirtschaft investiert, bei "Leben" in Krankenhäuser, Laboratorien, Altenheime oder Behinderten-Einrichtungen. Und wählt man "Kultur", so unterstützt man Künstler und Kultureinrichtungen.
Bei der noa bank sind Tagesgeld (2,2%), ein Festgeld (bis zu 3%) und ein kostenloses Girkonto an. Ich habe noch keinen Nachteil gefunden, außer dass über die Staatsgarantie von 50000 Sicherung je Kunden, keine zusätzlichen freiwilligen Sicherungen vorhanden sind. Für mich persönlich spielt das erstmal keine soo große Rolle, aber es soll Leute geben für die das wichtig ist.
Die noa bank ist natürlich nicht die einzige sogenannte „social bank“. Andere ethische und ökologische Anbieter sind die Ethikbank, die Umweltbank und die GLS Bank. Andere Konzepte, wie beispielsweise smava setzten auf direktes Geld leihen bzw verleihen zwischen Menschen. Insgesamt gibt es eine Fülle an Angeboten, um die Anlage seines Geldes besser zu kontrollieren und mit zu entscheiden wofür, das Geld, das man irgendwo ablegt eigentlich benutzt wird. Natürlich sollte man sich, bevor man voll und ganz seine Bank wechselt ausreichend informieren. Ich habe die noa bank herausgepickt, weil sie relativ neu ist und wie ich finde ein vielversprechendes Konzept hat. Aber bitte weist mich auf andere Anbieter oder Tücken über die ihr stolpert hin. Insgesamt ist der Ansatz bewusster Geld zu verleihen und sicher zu gehen, dass damit keine Umweltzerstörung, Hunger oder Kinderarbeit in einer virtuellen Geldwelt finanziert wird, ein sehr guter.
Hier noch das „Werbevideo“ zur noa bank:

Samstag, 9. Januar 2010

The girl who silenced the world for 5 minutes

Liebe Freunde,

ich möchte heute nochmal ein Video loswerden, zu dem ich auch gar nicht viele Worte verlieren will. Das Video ist schon sehr alt (18 Jahre). Es wurde 1992, in Rio de Janeiro, Brasilien, aufgenommen. Ein Mädchen, Severn Cullis-Suzuki, spricht im Alter von 12 Jahren zu den Vereinten Nationen. Sie war in einer Kinder-Umweltschutzorganisation (Environmental Children's Organization (ECO))und sagt:

"Mein Vater sagt immer: Du bist was du tust, nicht was du sagst. Nun, was ihr tut, bringt mich Nachts zum Weinen. Ihr Erwachsenen sagt ihr liebt uns, aber ich fordere euch auf: Bitte! Lasst euer Handeln euren Worten folgen!"

Ich denke das Video erzeugt bis heute eine beklemmende Stille. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Severn inzwischen 30 Jahre alt ist.
Das Video ist auf Englisch, da Severn Kanadierin ist, aber ich habe eine Version mit deutschen Untertiteln gefunden:

Dienstag, 22. Dezember 2009

In was für einer Welt leben wir und wie geht es weiter?

Liebe Freunde,

Matthias, ein sehr guter Freund von mir hat in einer zusammenfassenden email an seine Freunde und Familie die Ereignisse und seine Erlebnisse in Kopenhagen geschildert. Ich fand seine Schilderungen und Schlußfolgerungen so eindrucksvoll und wichtig, dass ich ihn gebeten habe seine Nachricht als Nachruf auf Kopenhagen auf Klimaxikon posten zu dürfen. Sein Hauptpunkt ist der selbe, den ich schon einige Male genannt habe. Es geht jetzt darum selbst aktiv zu werden und ein möglichst großes Netzwerk mit ebenfalls aktiven Menschen zu bilden und zu leben. Wir dürfen nicht länger warten bis die UN oder sonst jemand in Kopenhagen oder sonstwo unsere Zukunft gegen die Wand fährt. Wir müssen uns zusammenschliessen und etwas neues beginnen.
Hier nun also der Bericht von Matthias (Vielen Dank!):

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Familie!

Wow - was für ein Jahresabschluss. 8 Tage Klimagipfel in Kopenhagen bergen Stoff für stundenlange Erzählungen. Mit einem riesigen Rucksack an Erlebnissen bin ich seit gestern Nacht wieder in Münster und würde gerne einiges von dem, was ich hautnah miterleben konnte teilen.
Wenn du dir etwas Zeit nimmst und mir folgen möchtest, freue ich mich sehr.

Als erstes ein paar Sachen zum Ergebnis des Gipfels:

Eine schlechte Aufbereitung und Moderation von seiten Dänemarks und immer stärker sichtbare krasse Zerwürfnisse in der internationalen Gemeinschaft haben dazu geführt, dass es keinerlei neue rechtliche Grundlage für die Reduktion von CO2-Emissionen gibt.
Obwohl am Freitag über 120 Regierungschefs vor Ort waren (1997 in Kyoto war es ein einziger!) und Obama großspurig ein zu verhandelndes Endergebnis auf den Tisch legte, fehlte am Schluss der wohlwollende Konsens. Nach Marathonsitzungen und massivem Druck seitens der Industriestaaten, den ärmsten Ländern bei Verweigerung der Gefolgschaft die Entwicklungszahlen zu streichen, platze Tuvalu der Kragen und endlich wurde gesagt, was schon lange nötig war: die vom Westen vorgeschlagenen und von China, Indien, Brasilien und Südafrika opportunistisch unterstützten Ziele helfen kleinen, strukturschwachen oder von klimatischen Veränderungen besonders stark betroffenen Gebieten nicht für 5 Cent. Alle Emissionsreduktionen zusammengenommen würde sich bis 2020 allerhöchsten 20% Reduktion erreichen lassen - wissenschaftlich dringend gefordert sind 40%. Inselstaaten wären damit einfach weg, Wüstengebiete nähmen rasant zu und dergleichen. Tuvalu, mit 12.000 Einwohnern insgesamt, tritt also der gesamten Industriewelt mächtig gegen das Schienbein und sagt: so nicht.
Trotz nächtlicher Sitzungsverlängerung und händeringendem Handeln und Erpressungen bleiben einige kleine Staaten endlich hart und machen klar: entweder ordentlich, oder gar nicht. So bleibt es und den "Copenhagen Accord" wird es auch weiterhin nur als Fußnote, die von der Weltgemeinschaft "zur Notiz genommen" wurde geben.

Nachzulesen recht schön hier:
Eskalation beim Gipfel

Soviel also zur offiziellen Seite.

Was passierte außenrum, was habe ich in der guten Woche in Kopenhagen gemacht?

Ich habe an 5 Demonstrationen teilgenommen, wovon diejenige am 12.12. eine der größten Umweltdemos der Geschichte mit 100.000 bunten AktivistInnen war.
700 Festnahmen: Aufregung bei Klima-Demonstration

Wenn ich nicht auf Demos war, dann entweder im Klimaforum, dem größten Alternativgipfel in der Stadt, oder im Climate-Bottom-Meeting in Christiania, einem ehemals besetzten Stadtteil und nunmehr seit über 25 Jahren sozialen Experiment. An beiden Orten wurde mir in zahlreichen großartigen Vorträgen, Workshops und persönlichen Gesprächen klar, dass sich hier eine wunderbare Bewegung formiert. Leute aus allen Ecken der Welt arbeiten kritisch, intelligent und kreativ an Möglichkeiten, soziale, ökologische, spirituelle und ökonomische Wege in einen nachhaltige Welt zu finden. Ich habe noch nie soviel positives Engagement, Wissen, Überzeugung und Inspiration an einem Ort gesehen wie hier. Für mich waren diese Orte die Punkte, an denen in den zwei Wochen tatsächlich über die Probleme und deren mögliche Lösungen diskutiert wurde. Im Bella-Center, dem Ort der offiziellen Verhandlungen, drehte sich alles eiskalt um Macht, Geld und Einfluss - abartig, angesichts dessen, was auf dem Spiel steht.
Wer einen Blick in die Progammhefte der beiden Veranstaltungen schauen möchte kann das hier tun:
Climate Bottom Meeting
Klimaforum09

Für die mit viel Zeit empfehle ich die Lektüre der "Declaration of the people", die im Klimaforum ausgearbeitet wurde und die echten und gerechten Umweltschutz anpacken würde:
Declaration of the people

Mittwoch gab es dann wieder Action: die Aktion "Reclaim Power", wunderbar zusammegefasst hier:
Reclaim Power Demonstration

Wer noch die Gruppe der Leute sehen will, die um die Polizei drumrum versucht hat, an und über den Zaun zu kommen, guckt sich das an:
Spiegel Online Video

Und damit sind wir beim traurigsten und heftigsten der Erlebnisse: meinem Tag im Gefängniskäfig der dänischen Polizei.
Wer beim letzten Video genau hingeschaut hat, konnte mich rennen sehen, (Pace-Flagge auf dem Rücken, rote Jacke): ich hatte wirklich keine Lust mehr, scheinheiligen Politikerreden, machtgeilen oder raffgierigen Programmen ruhig dabei zuzusehen, wie sie eine mögliche Zukunft der Erde in den Sand setzen. In der Schule werden uns die Helden des zivielen Ungehorsams ehrfürchtig beigebracht: Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Hans und Sophie Scholl etc. Menschen, die für ihre Ziele eingestanden sind und mehr getan haben, als zu reden.
Was wir nicht beigebracht bekommen, ist die tatsächliche Aktion. Den Mut, den Arsch hochzukriegen, wenn es an die Substanz unsere Rechte oder einer Zukunft geht. Der Punkt hat mir bislang auch gefehlt, irgendwie hatte ich nie soviel Mut, solche Aktionen wirklich zu unterstützen.

Auch wenn die Aktion in diesem Fall lange nicht so pathetisch war, wie im Rassen- oder Freiheitskampf, geht es hier doch geht gerade um unsere vedammte Zukunft.

Also bin ich gerannt. Um mich mit Menschen aus dem Bella-Centre zu treffen und gemeinsam eine große People's Assembly mit kritischen und kreativen Beiträgen aus Bevölkerungsgruppen, die vom ach-so-offenen demokratischen Prozess ausgeschlossen werden, abzuhalten. All das wurde vorher angekündigt, eine absolut friedliche, kreative Aktion des Widerstands.

Weit sind wir nicht gerannt.

Dann kamen Polizeiketten, Hunde, Pfefferspray und Schlagstöcke. Durch zwei Polizeiketten bin ich hindurch, in der dritten, auf einem Mittelstreifen haben mich zwei Polizisten niedergerissen, auf den Boden gedrückt und mir die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt. Ich hatte noch Glück, andere lagen mit blutenden Kopfwunden auf dem Gras. Beim Abführen frage ich "if I might have my gloves, from the ground"?. Die Antwort des Polizisten: "YOU don't deserve that!!" Das hat mich getroffen. Genauso die halbe Stunde, die ich in einer Kette mit anderen Festgenommenen auf der Straße saß. Genauso die weiteren 3 Stunden, die ich in einer Garagenhalle gefesselt auf dem Boden saß und seitdem mein linker Daumen leicht taub ist und meine Handgelenke immer noch schmerzen.
Dann wurde ich fotografiert und mir gesagt, dass ich keinerlei Anklage bekomme, keinen Eintrag in das polizeiliche Führungszeugnis und mir nichts zu Last gelegt wird - ich aber trotzdem bis zu 12 Stunden eingesperrt werde - präventiv.
Ohne Schuhe, Gürtel, Jacke und Rucksack geht es in einen Gitterkäfig in einer großen Halle. Dort stehen 40 solcher Käfige in mehreren Reihen. Jeder Käfig hat geschätzte 10m² und wird mit 10 Menschen gefüllt.
Die Stimmung in der Halle ist explosiv. Menschen sitzen in Käfigen wie Tiere, sie schreien, trommeln und randalieren. Polizisten rennen hilflos oder aggressiv von links nach rechts, schreien ebenfalls, lachen oder versuchen, sich in dieser unwürdigen Situation trotzdem anständig zu benehmen. Zu trinken gibt es kaum etwas, das wenige muss ich mit einem Strohhalm durch die Gitterstäbe aus einem dargebotenen Becher saugen. Nach 7 Stunden gibt es etwas zu essen. Für Veganer einen Apfel und eine Birne.
Menschen fangen an zu randalieren, reißen Trennwände nieder, die Polizei lässt die kalte Winterluft die Halle abkühlen, als das nichts hilft kommt Pfefferspray im geschlossenen Raum zum Einsatz. Riot-Cops rennen in einen Käfig und knüppeln dort die zusammengekauerten Randalierer nieder.

In dieser Atmosphäre der Gewalt und Aggression versuche ich, einfach ruhig zu sitzen, mich abzuschotten. Ich bin nicht aufgeregt, ich spüre weder Aggression noch Hass, trotzdem trifft mich das alles zutiefst. Erinnerungen an das Stanford-Experiment (http://de.wikipedia.org/wiki/Stanford-Experiment) steigen in mir auf. Menschen werden zu Tieren, gefangen in ihren sozialen Rollen oder im Kampf um jeden Zentimeter von Freiheit oder Würde.
Und alles ist doch nur ein Teufelskreis: mehr desselben. Mehr Gewalt, mehr Abscheu, mehr Aggression, mehr Herabwürdigung.
Ich versuche, all die Bedürfnisse der Individuen zu sehen. Das Bedürfnis nach Ruhe, nach Freiheit, nach Selbstbestimmung, nach Mitspracherecht, nach Anerkennung, nach Pflicherfüllung, nach Ordnung. All diese Bedürfnisse sind vorhanden und werden in dieser Situation nicht im mindesten erfüllt. Das führt zur Aggression, das führt dazu, dem Gegenüber die Menschlichkeit abzusprechen.

Wow... wie lässt sich das überwinden?

Ich spreche mit einigen Insassen über gewaltfreie Kommunikation, ich komme mit ein paar Polizisten ins Gespräch und sehe Menschen hinter den Uniformen. Aber das System außenrum ändert sich nicht, es ist immer noch ein undemokratisches, repressives Gefängnis.

10 Stunden nach meiner Festnahme bin ich wieder frei. Ich werde alleine hinter der Gefängnishalle auf die Straße gestellt. Es hat zu schneien begonnen, eine dünne weiße Decke der Unschuld überzuckert Kopenhagen und dämpft meine Schritte. Ich werde hinter dem Tor von einer kleinen Gruppe von solidarischen Umweltkämpfern begrüßt. "Hey, willkommen! Wir haben Kaffee und Zigaretten!" - Danke, nichts von beidem. Ich gehe alleine zur S-Bahn und fahre zu unserer furchbar netten Gastgeberin, Ingrid, und stelle mich lange unter die heiße Dusche.

Die Erlebnisse wirken immer noch nach.
In was für einer Welt leben wir, auch hier im ach-so-freien Europa?

Die Tage danach waren trotzdem gut, ich habe die Aktion nicht bereut und  weiterhin wunderbare Menschen getroffen, mir Vorträge angehört, bin am letzten Abend in der kleine Gemeinschaftssauna in Christiania gewesen und habe dort mit vielen Menschen für eine Atmosphäre des Verständigung und der Liebe getanzt.

Gestern, am Samstag habe ich zum Abschluss noch die Leute vom Climate Justice Fast getroffen, die Aktion an der ich als Unterstützer im November teilgenommen habe. Gemeinsam habe ich mit zweien, die seit 43 Tagen nichts mehr gegessen hatten, ihren ersten Gemüsesaft getrunken.
Dann bin ich zum Zug gegangen und mit Raphael gemeinsam nach Deutschland zurückgefahren.

Wie geht es weiter?

Nun, in mir ist die Überzeugung gewachsen, dass ich bei mir selbst anfangen muss. Beim Thema Klimawandel kommen alle großen Fragen zusammen: Ökologie, Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich, Kommunikation, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, alternative Wirtschaftsysteme... All das muss gelebt und ausprobiert werden!
Zusammen mit anderen Menschen, in Netzwerken. Diese müssen größer werden und zwar so groß, dass der Druck auf Politik und Wirtschaft spürbar wird. Den Anfang habe ich in Kopenhagen erlebt, 100.000 Menschen für die Umwelt auf die Straße gehen zu sehen war großartig.

Eins ist klar: ich freue mich nun riesig auf friedliche Weihnachten mit meiner Familie (und vor allem meiner Patennichte!!).

Damit beschließe ich den Bericht, danke herzlich für eure Zeit und Geduld, wünsche euch ebenfalls frohe, entspannte Festtage und freue mich, euch mal wieder zu sehen oder mit euch zu reden!

Alles Liebe,
Euer Matthias

Dienstag, 1. Dezember 2009

Besser Statt Mehr

Liebe Freunde,

gestern war ich bei dem ersten Symposium des "Denkwerk Zukunft" mit dem Namen "Besser Statt Mehr". Es waren unter anderem Harald Welzer und Tim Jackson als Redner anwesend, die bereits in dem Post Das Ende der Welt, wie wir sie kannten Erwähnung gefunden haben. Das Symposium im Umweltforum Berlin setzte sich wie die Veranstaltungen des anderen Beitrags mit einem Leben ohne (materielles) Wachstum auseinander. Erneut wurde an uns Bürger appelliert unabhängig von politischen Entscheidungen (Kopenhagen) selbst aktiv zu werden und unsere eigene politische Verantwortung aber auch und vor allem die Verantwortung für unser eigenes Leben, in die Hand zu nehmen.
Ein guter Anfang wäre zum Beispiel dem folgenden Link zu folgen und seine eigene persönliche CO2-Bilanz zu errechen:

Endlich Handeln

Ich war erstaunt wie viel es für meine CO2-Bilanz ausmacht, dass ich wenig regional und saisonal kaufe!

Meinhard Miegel, ehemaliger Mitarbeiter des Generalsekretärs der CDU (Kurt Biedenkopf) und heutiger Vorstand des Denkwerks Zukunft hat in seiner Abschlussrede des Symposiums sehr eindrückliche Worte gefunden, die ich hier gerne zitieren möchte:

„Die Vorstellung, dass das Wachstum der Wirtschaft und die Mehrung materiellen Wohlstands zumindest in den reichen Ländern zum Stillstand kommen oder sogar in ihr Gegenteil umschlagen könnten, ist vielen Menschen so zuwider, dass sie sich ihr verweigern. An so etwas, so heißt es, wollen wir gar nicht denken. Das wäre das Ende unserer Kultur. Die Menschen verlören die Grundlage ihrer Lebenszufriedenheit, die gesellschaftlichen Strukturen, vor allem der Sozialstaat, gerieten in Gefahr, viele könnten sich – enttäuscht – von der freiheitlich-demokratischen Ordnung abwenden, kurz: das gesamte wirtschaftliche, gesellschaftliche und staatliche Gefüge drohe zu kollabieren. Ein solches Risiko dürfe unter keinen Umständen eingegangen werden. Das Wohl und Wege dieser Gesellschaft hinge nun einmal an Wirtschaftswachtum und materieller Wohlstandsmehrung und folglich müssten diese unbedingt aufrecht erhalten werden.

Diese Argumentation ist einsichtig, hat aber eine entscheidende Schwäche: Sie hat einen Paradigmenwechsel nicht mit vollzogen. Anders gewendet: Sie verkennt, dass das vormalige Subjekt zum Objekt und das Objekt zum Subjekt geworden ist. Konkret: Hieß es vor 50, 40 und auch noch vor 30 Jahren, die westliche Wirtschafts- und Lebensweise stelle eine Bedrohung für die Umwelt und Natur sowie für den Mensch und Gesellschaft dar, so heißt es heute umgekehrt, dass eine überforderte und deshalb rebellisch gewordene Umwelt und Natur die tradierte Wirtschafts- und Lebensweise nicht länger zulasse. Die Frage, ob wir weiter leben wollen wie bisher, stellt sich also gar nicht. Zu fragen ist vielmehr, wie wir unter veränderten Bedingungen leben können.“

Donnerstag, 26. November 2009

Das Ende der Welt wie wir sie kannten

Liebe Freunde,

Ich habe gestern an einer Onlinekonferenz (von Earthscan) teilgenommen. Sie trug den Titel „An Economy Fit For the Low-Carbon World“. Es ging also darum wie eine Ökonomie zu entwickeln wäre, die klimaneutral oder nah daran funktionieren könnte.
Heute fand in Berlin die Utopia Konferenz 2009 statt. Utopia.de ist Deutschlands größte Internet-Community für nachhaltigen Lebensstil. 50000 Utopisten sind auf der Seite registriert und diskutieren Lösungen für unsere Zukunft.

Beide Konferenzen blasen grundsätzlich ins gleiche Horn. Das System des unendlichen Wachstums muss/wird ein Ende haben.

Das ist allerdings vermutlich falsch formuliert. Vielmehr geht es darum „Wachstum“ und „Wohlstand“ anders zu definieren.
Was wäre wenn Wachstum nicht mehr automatisch ökonomisches Wachstum bedeuten würde? Wachstum könnte auch bedeuten ein Mehr an Kooperation, an Zeit, an Innovation, an Lernen....
Robert Costanza (Professor für ökologische Ökonomie und Leiter des Gund Instituts für ökologische Ökonomie an der University of Vermont) sagt: „ökonomisches Wachstum ist unökonomisch wenn es kein Wohlbefinden schafft“. Daher meint er, dass es Wohlstand ohne ökonomisches Wachstum zu erreichen gilt.
Und was bedeutet basierend darauf dann Wohlstand? Für Tim Jackson (Sustainable Development Commission) muss Wohlstand bedeuten, dass „menschliche Lebewesen sich auch wirklich als solche entfalten können“. Tim Jackson ist Autor des Buches "Prosperity without Growth"

Einer der Sprecher bei der Utopia Konferenz in Berlin war Prof. Dr. Harald Welzer (Sozialpsychologe). Er hielt einen Vortrag mit dem Thema „Die großen Hebel“. In seinem Vortrag schilderte er die Funktionsweise unseres Systems. Seiner Meinung nach war das westliche System so erfolgreich, weil es den Rest der Welt als Treibstoff nutzen konnte. Das System das eigentlich immer nur als partikulares System gedacht war ist inzwischen allerdings globalisiert. Das bedeutet für das einzelne kleine System natürlich, dass es keinen „Rest der Welt mehr gibt“ und damit auch keinen Treibstoff mehr. Laut Welzer ist die Problemlösung der Wirtschaft: „Ignorieren. Wir nehmen Kredite auf bei kommenden Generationen“. Utopisches Handeln ist deshalb realistischer als Realpolitik , weil wir so nicht weiterleben können:
„Das, was sich gegenwärtig als Realpolitik verkauft, ist völlig illusionär, weil es nicht ein einziges der Zukunftsprobleme - Klimawandel, schwindende Ressourcen, wachsender Wasser- und Nahrungsmangel, Ansteigen des globalen Konfliktpotenzials und Raubbau an der Zukunft unserer Kinder - bearbeitet.“

Welzer hat zusammen mit Claus Leggewie das Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie" geschrieben.
Sie fordern die Bürgergesellschaft auf ihr politisches Mandat wahrzunehmen und selbst aktiv zu werden. In einem taz-Interview erklären sie den Titel ihres Buches: „ Das ist ein wunderbarer Titel, den wir wenig modisch von REM geklaut haben. Der Refrain "It's the end of the world as we know it" geht weiter: "and I feel fine". Wir sind auch froh, wenn die Welt, wie wir sie kannten, am Ende ist. “

Wer sich das Lied gerne einmal anhören würde: It's the end of the world as we know it (and I feel fine)

Liebe Grüße,
lasst es uns anpacken! Wir brauchen die APO 2.0 (Begriff von Welzer)!

Nico

Quellen:
Klimaschutz APO gefordert
Wir lebenauf Kosten der Zukunft
Ja, wir wollen die Welt verbessern
An Economy Fit for a Low Carbon World – The Pre-COP Earthcast with Tim Jackson